Bildung, das Fremde und der Film

 tsbf.jpg



Im November diesen Jahres ist im Transcript Verlag eine weitere spannende Veröffentlichung in der Reihe Theorie bilden erschienen: Hans-Christoph Koller, Winfried Marotzki, Olaf Sanders (Hg.): Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Bielefeld 2007.


Das Buch dokumentiert eine Tagung, die im September 2005 im Hamburger Warburg-Haus anlässlich der Erimitierung von Rainer Kokemohr stattgefunden hat. Der Tagung lag als gemeinsamer Bezugspunkt ein Text von Rainer Kokemohr zugrunde, der sein Verständnis transformatorischer Bildungsprozesse präsentiert. Dieser Beitrag eröffnet das Buch und führt in sein Anliegen ein; er steht zugleich im Mittelpunkt der weiteren Beiträge, die sich in ganz unterschiedlicher Weise darauf beziehen.


Die drei letzten Beiträge des Sammelbandes sind für mich von besonderem Interesse. Sie widmen sich dem Film als einem potentiellen Ort oder Medium von Bildungsprozessen, wie er in den letzten Jahren auch zunehmend in den Fokus von Rainer Kokemohrs Forschung gerückt ist.¬†
Winfried Marotzki untersucht dabei die (auto)biographische Arbeit in Andrej Tarkowskijs Film Der Spiegel und deutet diese unter Bezug auf die Erinnerungs- und Gedächtniskonzeption Paul Ricoeurs als einen Bildungsprozess, in dem neue Zukunftshorizonte dadurch eröffnet werden, dass Vergangenheit akzeptiert und Schuld anerkannt wird.
Olaf Sanders fragt am Beispiel von Wim Wenders Don‚Äôt Come Knocking und Jim Jarmuschs Broken Flowers nach den Bildungsprozessen, die durchden Film selbst ablaufen. Seine Überlegungen gehen aus von der Kinophilosophie Gilles Deleuzes, die den Film selbst zum Pädagogen erklärt und großen Autoren wie Jean-Marie Straub, Roberto Rosselini oder Jean-Luc Godard eine Pädagogik oder Didaktik zuschreibt. Dass dies auch für Wenders und Jarmusch möglich wäre, setzt der Beitrag voraus. Eine Besonderheit der ausgewählten Filme, die zur Zeit des Symposions im Kino liefen, liegt in der Thematisierung von Bildungsprozessen älterer Männer.
Tim Schmidt, Tanja Trede-Schicker und Gereon Wulftange schließlich analysieren Sequenzen aus Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof unter dem Gesichtspunkt der Angst als bildungstheoretischem Transformationsmotiv. Sie nutzen psychoanalytische Werkzeuge. Es geht ihnen darum, wie Kokemohr ausgehend von Lacan, dem ‚Äì so eine These ‚Äì seit der Klassik für die Bildungstheorie notwendigen Subjektbegriff wieder eine hinreichende Komplexität und Prozessualität zu verleihen. Als ‚ÄûBrennpunkt des Bildungsprozesses« eröffnet der Begriff der Angst darüber hinaus weitere Problemfelder, stiftet Fragen nach produktiver Angst-Lust und bildungsverhindernden Phobien.


Weitere Infos unter: http://www.transcript-verlag.de/ts588/ts588.htm