Abstract

Seit Jahrhunderten wird die Pädagogik wie auch ihre Mutterdisziplin die Philosophie von einer Streitfrage heimgesucht, die verstreut über unterschiedlichste Diskurse immer wieder neu ins Zentrum der Diskussionen tritt. In den letzten Jahren hat sie im Zusammenhang mit dem Schlagwort „biocultural turn“ verstärkte Aufmerksamkeit erhalten. Gestritten wird darüber, wie sich natürliche Anlagen und kulturelle Prägungen zueinander verhalten. Gebunden an dieses Thema werden bisweilen nicht nur die Reichweite und die Möglichkeiten von Lernen, Erziehung und Bildung diskutiert, sondern auch der Status von Subjektivität. Wenn die Situierung des Subjekts – die Zeit, die Kultur, die Gesellschaft, die Technologie, in und mit der es lebt – sich so tief in sein Selbstverständnis einschreibt, dass es sich nicht von dieser trennen lässt, inwiefern kann dann überhaupt noch von einem unabhängigen, einem selbstbestimmten Subjekt gesprochen werden? Wo liegt die Grenze zwischen eigenverantwortetem, freiem Tun und gemeinschaftlich grundgelegtem Denken und Handeln? Anknüpfend an diese Fragen werde ich in meinem Vortrag überlegen, inwiefern die pädagogischen und philosophischen Reflexionen über die Wechselwirkung zwischen natürlichen Anlagen und kulturellen Einflüssen auch das Subjektverständnis der Kunstpädagogik affiziert. In einem exemplarischen Blick auf ausgewählte historische und zeitgenössische Positionen werde ich zeigen, dass eine Revision eines unabhängigen und selbstbestimmten Subjekts noch weitgehend aussteht. Welche Folgen, Chancen und Herausforderungen ein Umdenken, weg vom sourveränen Subjekt und hin zur Gemeinschaft, für das kunstpädagogische Denken und Handeln haben könnte, soll dabei den Fluchtpunkt meiner Ausführungen bilden.

Info

Iris Laner ist Professorin für Bildende Kunst und Bildnerische Erziehung an der Universität Mozarteum Salzburg. Neben Möglichkeiten der nicht-sprachlichen Verlautbarung von Kritik im Rahmen körperlicher und bildnerischer Stellungnahmen interessiert sie sich in ihrer aktuellen Forschungsarbeit vor allem für die Dimensionen ästhetischer Urteilsbildung und für gemeinschaftliche Praktiken der Auseinandersetzung mit Artefakten aus Kunst und Kultur. Ihre 2018 erschienene Publikation „Ästhetische Bildung. Zur Einführung“ gibt darüber hinaus von ihrem Interesse an einem Dialog zwischen philosophischer Ästhetik und Kunstpädagogik Zeugnis.