Abstract

„Medienkompetenz“ ist ein nachlaufendes Resonanzphänomen einer mediatisierten Gesellschaft, einer Gesellschaft in der digitalen Transformation. Ein Blick zurück vor die Markierung einer postdigitalen Selbstverständlichkeit alles Digitalen zeigt, dass die Konjunktur des Begriffs Medienkompetenz in der Öffentlichkeit kongruent mit der gesellschaftlichen Diffusion des Internets seit Mitte der 1990er Jahren verlief. Funktional differenzierte sich Medienkompetenz in Einzeldiskursen weiter aus: als IT-Skills in der Wirtschaft, als Regulierungsfaktor im Medienrecht, als Demokratiefaktor in der Politik oder als pädagogische Zielvorstellung, als erweiterte Mündigkeit und Souveränität in der Bildung. Im Übergang vom Prädigitalen zum Postdigitalen entstehen Spannungsfelder und Verschiebungen im Hinblick auf die medienkritische Einordnung der digitaler Medienpraktiken: vom Werkzeuggebrauch zum Umweltverhalten in datafizierten Welten, von der Datensparsamkeit zum Datenüberfluss, von abgegrenzten Zeitbegriffen zur gegenwärtigen Vergangenheit und vorhergesagten Zukunft (predictive analytics), vom Manipulationsverdacht zur Algorithmenkritik, von der digitalen Selbstverteidigung zur Ergebung in den Kontrollverlust und von der dystopischen Resignation zur gemeinwohlorientierten Gestaltung des Lebens in der digitalen Gesellschaft.

Info

Dr. Harald Gapski leitet seit 2016 den Bereich Forschung am Grimme-Institut und war zuvor Leiter des Bereichs Medienbildung/Medienkompetenz (2010-2015). Er studierte Kommunikationswissenschaft und Philosophie in Essen und Wien (M.A., 1993), dann als Fulbright Stipendiat Media Studies an der New School for Social Research, New York (M.A. (USA), 1994) und promovierte 2001 zum Thema “Medienkompetenz. Eine Bestandsaufnahme und Vorüberlegungen zu einem systemtheoretischen Rahmenkonzept” in Essen. Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete er am Europäischen Medieninstitut (Düsseldorf, 1996) und als Leiter der Projektentwicklung und Prokurist am ecmc Europäisches Zentrum für Medienkompetenz (Marl, 1997-2010).