Foto: © Franz Fanon, Black Sin, White Masks 1967 & healthline

 

WORKSHOPBESCHREIBUNG

Rassismus ist allgegenwärtig. Egal ob Arbeitsmarkt, Wohnungssuche, Kunstproduktion, Bildungssystem oder Freizeit: es gibt keinen öffentlichen oder privaten Bereich der Gesellschaft, der nicht von strukturellem Rassismus, rassistischem Denken oder Handeln durchzogen ist. Aber Rassismus ist kein isoliertes Phänomen, sondern findet in konkreten politischen, ökonomischen und kulturellen Konstellationen statt. Er ist nicht losgelöst von den sozialen Verhältnissen und muss in Beziehung zu diesen untersucht werden. In den Worten des Soziologen Stuart Hall lässt sich sagen, dass „Race“ die Modalität ist, in welcher Klassenverhältnisse erfahren, angeeignet und erkämpft werden.

Wie lässt sich also Rassismus in der Analyse nicht als kolonialer Fetisch essentialisieren? Wie können wir Praktiken, Policies, Diskurse oder Affekte als rassistisch identifizieren, obwohl keine expliziten Bezugnahmen auf kolonial-rassistische Tropen stattfinden?

Wie können wir aus rassismuskritischer Perspektive gleichermaßen psychoanalytisch über eigene Internalisierungen sowie materialistisch über die Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen und Geflüchteten bei der Ernte sprechen?

Welche Objekte und Symbole können wir freilegen, um diese Analysen zu erzählen?

In diesem Workshop werden wir gemeinsam im Sinne einer künstlerischen Forschung Theorie-Lektüre betreiben, Archivmaterial sichten und daraus eigene künstlerische Skizzen entwerfen.

Julian Warner leitet den Workshop mit der Nummer 3.

EINDRÜCKE UND REFLEXIONEN AUS DEM WORKSHOP

Online-Performance von und mit:  Tamina Tanski, Marlen Guastella, Larissa Schöttke, Viola Görgen, Burak Şengüler, Birte Krüger und Christin Prinzler

 

Reflexion von Burak Sengueler

„eine Mark mehr für alle“ 

(Wilder Streik, 1973)

Was können wir aus der Vergangenheit für zukünftige Kämpfe lernen? 

Welches Erfahrungswissen, welche Strategien und Taktiken des Aufbegehrens gegen diskriminierende, ausschließende und benachteiligende Strukturen liegen zumeist verborgen in den materiellen und immateriellen Archiven menschlicher und nichtmenschlicher Akteur:innen? Wieso tauchen diese Stimmen nicht im kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft auf? Ich könnte hier mit Spivak (1988) fragen: spricht die Subalterne deutsch? Oder anders: hört die Dominanzgesellschaft zu? Wie können wir dieses Wissen sichtbar und laut werden lassen? Und wie kommen wir an dieses Wissen überhaupt heran? Wer ist dieses wir, welches ich hier selbstverständlich verwende?

Diese und viele weitere Fragen, die darauf warten formuliert und ausgesprochen zu werden, schlummern in mir und in dir. 

Die gemeinsame Zeit im Workshop mit Julian Warner hat einiges in mir in Bewegung gesetzt und mich nachhaltig in einen unaufhörlichen Strudel des Nachdenkens, der Recherche und Auseinandersetzung mit  bisher semipermermeablen Archiven gesogen. Julian zitierte meine erste Aussage: „ Ich wünschte wir hätten auch ein Familienarchiv“. Dies war meine Reaktion auf die Erzählungen einer Kommilitonin, die ihre künstlerische Dissertation ausgehend vom eigenen Familienarchiv anfertigt. 

Als junger Mensch mit transnationaler Arbeiter:innenfamilienbiografie liegt der größte Teil unseres Familienarchivs im Verborgenen. Sprachen, Erinnerungen, Praktiken, Dinge, Geschichten und Traditionen der Oral und Material History haben es zumeist nicht oder nur bruchstückhaft über die Meere und Lüfte geschafft oder sind im Zwischenraum verschwunden. 

Meine stärksten Erinnerungen oder mein kleines eigenes Archiv würde ich selbst als postmigrantisch bezeichnen – Gefühle, Erinnerungen und Geschichten an Orte, die durch Migration geprägt und zumeist erst durch Grenzüberschreitungen möglich wurden. 

So hat auch die kritische Reflexion und Reformulierung des Verhältnisses von Race und Class anhand der Texte Stuart Halls eine Leerstelle innerhalb dieses Archivs sichtbar gemacht. Neben der Lektüre der vorgegebenen Texte, sollten wir zu jedem Text einen Gegenstand mitbringen, den wir mit den Inhalten assoziieren oder in irgendeiner Art und Weise in Verbindung bringen. Da ich zumeist einen (auto-)biografischen Zugang wähle, habe ich angefangen zu suchen und zu graben. Ich habe in Erinnerungen gegraben, ich habe meine Gefühle befragt und habe, wie man im Türkischen sagen würde, auf fremden Zungen nach Erzählungen gesucht. Dabei ist ein wunderschönes und teilweise schmerzhaftes Gespräch mit meinem Bruder, der 10 Jahre älter ist als ich, entstanden. Wir haben ausgehend von den Spuren des Textes über familiäre Erlebnisse, Geschichten und Erinnerungen gesprochen,  die ich aufgrund meines Alters, nicht wissen konnte. Wir haben über Migrationsbewegungen unserer Familie, Arbeiter:innenkämpfe und deren Einfluss auf unsere Leben gesprochen. Wir sprachen über alte Wohnorte und Familienfreund:innen. 

In meinem kleinen, überschaubaren materiellen Archiv fand ich dann also das alte Lederportmonnaie meines Vaters. Im Portmonnaie, in einem kleinen Seitenfach, steckte sein alter Arbeitsausweis. 

ein altes 

lederportemonnaie             mit dmark- und pfennigmünzen.

ich glaube,                     ich erinnere                  auch eine       liramünze                gesehen zu haben. 

ich habe auch        

                           alte      ausgebleichte kassenbons    

und 

        einen zettel mit einer telefonnummer                                  gefunden. 

als ich die nummer wählte, 

                                               

                                              ging niemand dran. 

ich habe auch deinen alten 

                                               gewerkschaftsausweis und deinen arbeitspass 

   gefunden. 

der            pass ist in der         mitte einmal durchgebrochen 

und wurde mit tesastreifen       liebevoll wieder zusammengeflickt.            

du trugst dein portemonnaie immer in deiner rechten gesäßtasche. 

vermutlich ist der plastikpass dann irgendwann mal durchgebrochen.

Dieser Pass sollte den Beginn eines ästhetischen Forschungsprozesses darstellen. 

Ich hatte schon immer eine seltsame, mir unbewusste Verbindung zu Ford – dem Autohersteller. Nicht, weil ich Autos oder die Kulturgeschichte der Firma so toll finde. Mein Vater war Arbeiter bei Ford. Er war Fordarbeiter. Ich weiß nicht besonders viel darüber, weil mein Vater früh verstorben ist – nur, dass er im Schichtdienst gearbeitet hat und ich das Fordlogo öfter auf Briefen gesehen habe. 

Erst später sollte mir bewusstwerden, dass Ford für einen kollektiven Prozess der Migration steht. 

Erst später sollte mir bewusstwerden, dass Ford einen Ort der kollektiven Erinnerung für viele migrantische Arbeiter darstellt. 

Erst später sollte mir bewusstwerden, dass Ford in meinem Leben immer wieder punktuell, aber zentral auftreten wird, wenn ich andere Kanax aus Köln und Umgebung kennenlerne. Oder zumindest denke, sie kennenzulernen, wenn dann im Gespräch herauskommt, dass unsere Väter und Familien sich kannten, wir als Kinder auf Hochzeiten zusammen spielten oder uns gegenseitig zu Hause besuchten.

Verschüttete Erinnerungen im Archiv.

Erst später sollte mir bewusstwerden, dass Ford ein Ort dieses politischen Aufbegehrens gegen diskriminierende, ausschließende und benachteiligende Strukturen ist. Ein Aufbegehren migrantischer Arbeiter, wie es die Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt, 1973, nicht für möglich gehalten hätte, 

weil die sog. ausländischen Arbeiter immer fleißig, genügsam und unauffällig waren

weil die sog. ausländischen Arbeiter immer ohne Kritik die schlechtbezahlteste und körperlich anstrengendste Arbeit verrichtet haben.

Weil die sog. ausländischen Arbeiter es sich  – wortwörtlich –  nicht leisten konnten, ihre Arbeitsduldungen zu riskieren.

Was passiert, wenn sich die spezifische Verwobenheit von Race und Klasse wie unter einem Brennglas beobachten lässt? Wenn plötzlich über 300 migrantische Arbeiter fristlos gekündigt werden, weil ihre spezifischen transnationalen Biografien nicht berücksichtigt werden, sie  aufgrund der weiten Wege in das noch damalige Heimatland und zurück verspätet aus dem Urlaub kommen, die Gewerkschaft sich nicht für die Belange der migrantischen Arbeiter einsetzt und ihre Stimmen nicht gehört werden? Wenn all das auf einen bereits bebenden Boden  schlechter Arbeitsbedingungen, schlechter Bezahlung und politischem Silencing stößt? 

Genau, das Begehren danach die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen! (MEW 1: 381)

Freitag, 24.08.1973.

Über 10.000 (überwiegend) migrantische Arbeiter legen die Arbeit nieder und beschlagnahmen die Ford Werke in Köln-Niehl. Sie tanzen, feiern, schlafen, essen und stellen Forderungen. Solidarität mit den entlassenen Kollegen. 

Unter anderem fordern sie: EINE MARK MEHR FÜR ALLE!

Nach einer Woche Besetzung der Werke, rassistischer Pressemitteilungen und entsolidarisierung der weißdeutschen Mitarbeiter, weil sie ihre privilegierten Positionen als Facharbeiter nicht riskieren wollen, wird der Streik gewaltvoll unter Machtausübung der Polizei beendet. Die Forderungen werden nicht gehört. Der Arbeitskampf um bessere Arbeitsbedingungen für alle wird rassistisch geframed (deutsche Arbeiter retten ihr Fordwerk, Deutsche beenden Türken-Streik, …). Es kommt zu Abschiebungen und weiteren fristlosen Kündigungen. 

Dieser sogenannte Wilde Streik steht jedoch nicht für sich allein. Es reiht sich ein in eine Welle weiterer Streiks und Besetzungen migrantischer Arbeiter:innen, die aufgrund ihres migrantisch situierten Wissens (Güleç 2016) die spezifische Logik von Race und Klasse in Arbeits- (und Wohn-)Verhältnissen körperlich erfahren und selbst verkörpern. 

(…)

Hier brechen meine Nacherzählung, Erinnerung und Recherche nun ab. Da die Verschriftlichung des weiteren, zum Teil noch (un-)sichtbaren Materials noch nicht möglich oder komplexitätsreduzierend wäre.

Ich komme zur Eingangsfrage: Was können wir aus der Vergangenheit für zukünftige Kämpfe lernen? Wie weit ist die Weltrettung wirklich? Wie nah ist das hier und jetzt?

Mit James Baldwin ließe sich ebenfalls sagen: „Geschichte ist nicht die Vergangenheit. Sie ist die Gegenwart. Wir tragen unsere Geschichte mit uns. Wir sind unsere Geschichte“ (Baldwin 2017).

Arbeits- und Wohnkämpfe sind im globalisierten Turbokapitalismus (Wahrig 1991) aktueller denn je. Transnationale Arbeiter:innenausbeutung hat viele Gesichter und versteckt sich hinter den verschiedensten Labeln, die im Wust des Konsums weitgehend unsichtbar bleiben. 

Welche Kontinuitäten, Verbindungslinien und Zersplitterungen zu heutigen und zukünftigen Kämpfen lassen sich in den Geschichten, Körpern und Erinnerungen derer finden, die unerhört blieben? Wie können diese Stimmen Einzug ins kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft finden, die durch Migration geprägt ist? Wie unsichtbare, verborgene und schlummernde Archive erwecken? 

Wie können altes und junges Wissen zusammenfinden, um die Verhältnisse erneut zum Tanzen zu zwingen? 

Ich ende selbstverständlich mit Fragen als mit Antworten. 

Die Springschool hat in mir die Lust auf einen Forschungsprozess erweckt, der komplex, undurchsichtig, herausfordernd und schmerzhaft ist und erst in seinen Anfängen steht. 

Ich habe seit der Springschool viel nachgedacht, zugehört, gesprochen, geweint, gelacht, gesucht, gefunden, gezweifelt, gegraben, telefoniert, geschrieben, gekritzelt, getanzt und geguckt. 

Ich habe mir ein Familienarchiv gewünscht und habe eins gefunden. Und mehr noch. Ich habe ganze Archive und Welten vor mir, die vielleicht darauf warten gefunden und gehört zu werden.

Heute ist Donnerstag, der 20.08.2020, 14.51 Uhr.

In 81 Stunden und 9 Minuten ist Montag, der 24.08. – an diesem Tag jährt sich der Wilde Streik bei Ford zum 47. Mal. 

Zu Beginn der Streikwelle werde ich Ford an die Forderungen der Arbeiter erinnern und ihnen bei der Überwindung ihrer institutionellen Amnesie helfen.

 Im ersten Akt, werde ich der Forderung nach einer Mark mehr für alle nachkommen.