1.   Vorstellung des Schulfaches Performance

1.1 Zur Notwendigkeit und Bedeutung des Faches Performance für eine zukünftige Schule

Das Fach Performance soll Schüler*innen darin unterstützen, innerhalb bestehender Gesellschaftsstrukturen eine bewusste und kritisch-reflexive Positionierung zu entwickeln und diese in Übereinstimmung zu bringen mit künstlerischen und alltäglichen performativen Handlungen. Als performativ sind diejenigen Handlungen zu verstehen, die durch ihren Vollzug den Zustand des sozialen Gefüges und/oder des materiellen Raumes verändern.

Das Fach Performance inspiriert sich an Geschichte und Gegenwart der Performativen Künste. In diesen werden Aufführungen erarbeitet, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie durch die gleichzeitige körperliche Anwesenheit von Akteur*innen und Zuschauer*innen in gegenseitiger Beeinflussung hervorgebracht werden. Das Fach Performance setzt also – diesem Anspruch folgend – in einer Zeit von zunehmender Virtualisierung in allen Lebensbereichen auf das Moment der Liveness, der leiblichen Kopräsenz agierender Akteur*innen im materiellen Raum und auf die Schule als interdisziplinären Lernort zwischenmenschlicher Begegnungen und Beziehungen.

Der Körper bildet den Zugang zur Welt und ist der Ausgangspunkt der eigenen Wahrnehmung und Erfahrung. Er ist zugleich primäres Medium zur Kommunikation mit der Umwelt. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dessen Ausdrucksmöglichkeiten kann als notwendige und basale Voraussetzung angesehen werden, um sich als handelndes relational eingebundenes Subjekt in komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen wahrnehmen und positionieren zu können. Dies berücksichtigend beschäftigt sich das Fach Performance, inspiriert von den Performativen Künsten, mit dem Körper der Schüler*innen: Es untersucht Bedingungen, Bilder und Ansprüche, die diesen hervorbringen, erzeugt so Bewusstheit und Sensibilität für die geerbten, gesellschaftlichen Strukturen und erprobt in künstlerischen Projekten körperlich und spielerisch das Ausprobieren und Einstudieren alternativer Praktiken. So werden beispielsweise in einer sich beschleunigenden Gesellschaft in diesem Fach Praktiken erprobt, die Bewusstheit und Achtsamkeit in Ausdruck und im Umgang mit dem eigenen Körper in den Mittelpunkt stellen. Ebenso werden gegenwärtige durch gesellschaftlichen Optimierungs- und Selbstdarstellungsdruck in den sozialen Netzwerken geprägte, medial-normierte Körperbilder befragt und Praktiken, die sich von diesen zu lösen versuchen, erprobt.
Die Gegenwart ist geprägt durch starke Migrationsbewegungen und eine weltweite Vernetzung. Potenziell können sich die unterschiedlichsten Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten heraus begegnen. Diese „Begegnungen” geschehen jedoch verstärkt virtuell und mehr oder weniger vereinzelt hinter Bildschirmen oder aber bleiben gar aus, da sich sogenannte Filterblasen bilden. Die zunehmende Virtualisierung einer Gesellschaft macht die Schule als Ort der zwischenmenschlichen Begegnung von unterschiedlichen Gruppen in Raum und Zeit in besonderem Maße relevant und gibt dem Fach Performance eine neue Dringlichkeit.
Da sich Sachwissen mittlerweile jederzeit und von überall her aus dem World Wide Web angeeignet werden kann, wird eine wünschenswerte zukünftige Schule umso mehr ihr Selbstverständnis daraus erlangen, in erster Linie ein Begegnungs- und Aushandlungsraum zu sein, in dem in und durch Beziehungen in Gemeinschaft gelernt werden darf. Das Fach Performance bildet also eine wichtige Säule für eine zukünftige Schule, welche kollaborative, inklusive und gemeinschaftliche Projektarbeit im physisch geteilten Raum in den Mittelpunkt stellt. In Tanz-, Theater-, Ausstellungs- und Konzertprojekten, entlang der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen gesellschaftsrelevanten Themen, werden die Teilhabenden in Reibung untereinander gebracht. Im Erarbeiten von kollaborativen Aufführungen fordert das Fach seine Subjekte zum Aushandeln und Einnehmen von individuellen und gemeinsamen Positionierungen heraus. Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit werden stets im Spiegel von Kollektivität gedacht. In der kollaborativen Projektarbeit entwickeln die Schüler*innen Verantwortungsbewusstsein und -bereitschaft, im direkten Sinne für die Gemeinschaft der Gruppe und im übergeordneten Sinne für die Gesellschaft.
Der auf Bundesebene existierenden Forderung nach einer inklusiven und demokratischen Schule versucht das Fach Performance durch den Anspruch nachzukommen, sich weniger am Einstudieren normierter Kompetenzen zu orientieren, als vielmehr die realen Schüler*innengruppen in ihrem je spezifischem Ausdruck zu unterstützen und zu berücksichtigen. Dies geschieht wiederum über die Förderung unterschiedlicher Stärken und Ausrichtungen der Individuen innerhalb einer Gruppe, die sich mit den diversen verfügbaren Mitteln der Performativen Künste individuellen Ausdruck verschaffen lernen. Das Zusammendenken unterschiedlicher Ausdrucksweisen und Positionierungen auf der einen Seite und das Aushalten von Differenzen auf der anderen Seite wird im Rahmen von Prozessen, in denen gemeinsame Aufführungen erarbeitet werden, erlernt.

Schüler*innen müssen, um der gegenwärtigen und zukünftigen Komplexität gesellschaftlicher und globaler Anforderungen und Erwartungen gerecht werden zu können, auf Probleme, Situationen und Berufe vorbereitet werden, die es heutzutage noch nicht gibt. Des Weiteren verlangt der gegenwärtige und sicherlich auch zukünftige Arbeitsmarkt von seinen Individuen Spezialisierung auf der einen Seite und interdisziplinäre Zusammenarbeit in Teams auf der anderen Seite. Im Fach Performance sollen Schüler*innen dementsprechend einerseits lernen, sich eigenverantwortlich, innovativ und experimentell neue Lerngegenstände erschließen zu können sowie andererseits eigene Expertise im kreativen Prozess quer, vernetzend und zusammen zu denken – beispielsweise in der Gruppenarbeit mit dem Fachwissen von anderen Schüler*innen und aus den unterschiedlichsten Bereichen heraus. Das Fach Performance erhebt dementsprechend in hohem Maße den Anspruch, interdisziplinär zu arbeiten.
Phänomene und Probleme der Gesellschaft werden idealer Weise in einer zukünftigen Schule verstärkt im Co-Teaching und aus den unterschiedlichsten Fachperspektiven heraus im gemeinschaftlichen Prozess angegangen. Durch Aushandlungsprozesse in der Gruppe, zwischen den Disziplinen, aber im gemeinsam-geteilten Raum – beispielsweise über gemeinsame Aufführungen – werden kognitiv-analytische, aber vor allem auch emotional und intuitiv synthetisierende Prozesse durch kreative Problemlösungskompetenzen befördert. Kompetenzen des sich Ausdrückens, Sprechens und Kommunizierens über Sachverhalte und Emotionen mit dem Körper und in unterschiedlichen Medien werden außerdem im Fach Performance vermittelt und können diesen synthetisierenden Prozessen zugutekommen.
1.2 Die Neuaufstellung der Ästhetischen Bildung in NRW mitsamt dem Fach Performance
Die Fächer Kunst und Musik leisten bereits einen wichtigen Beitrag für den Bereich der Ästhetischen Bildung in Schulen, welcher mit der Einführung des zusätzlichen Faches Performance fortgeführt und ausgebaut werden soll.
Das Fach Performance erweitert die Ästhetische Bildung in der Schule um den interdisziplinären, auf den Körper und die Gruppe in Livemomenten ausgerichteten Bereich. Entsprechend eines generell erweiterten Kunst- und Musikbegriffs wird parallel davon ausgegangen, dass alle drei Fächer um eine starke Berücksichtigung interdisziplinärer künstlerischer Herangehensweisen bemüht sind, sich verändern und langfristig für eine fächerübergreifende Ausrichtung eine gemeinsame Verantwortung übernehmen.

Die unten aufgeführte Darstellung verdeutlicht das Bestehenbleiben der musikalischen und künstlerischen Bildung und der entsprechenden Schulfächer. Ergänzend kommt die performative Bildung hinzu. Es wird davon ausgegangen, dass spezifische Wissensgebiete existieren, die den jeweiligen Fachdisziplinen Musik, Kunst und Performance zugeschrieben werden und für die Bildung der Schüler*innen grundlegend sind. Ferner bildet die Schnittmenge der drei Disziplinen einen interdisziplinären Bereich, in dem alle drei Fachrichtungen zu verorten sind. In diesen Schnittmengen ist vorgesehen, dass die einzelnen Fachrichtungen in ihren Fachkompetenzen kooperieren, sich überschneiden und ergänzen. Hierfür kommen idealer Weise andere Umgänge und Methoden zwischen den zuvor so starr wirkenden Bereichen zum Einsatz, wie beispielsweise themenorientierte übergreifende Projektarbeiten sowie das Lehren in Teams.

Die Neuaufstellung der Ästhetischen Bildung in den Schulen von NRW:

Die drei Fächer Kunst, Musik und Performance werden also nicht losgelöst und unabhängig voneinander betrachtet. Vielmehr ermöglichen sie fächerübergreifende Auseinandersetzungen, in denen, ausgehend von unterschiedlichen Perspektiven und mittels unterschiedlicher Methoden, auf gemeinsame Projektthemen geblickt und sich ein Zugang erarbeitet werden kann. Zugleich bleibt in den Bereichen der musikalischen und bildnerischen Bildung die Vermittlung der klassischen Fachdisziplinen auch weiterhin gewährleistet. Inhalte der musikalischen Bildung sind die Förderung bewusster Umgangsweisen mit verschiedenen musikalischen Praxen, in der bildnerischen Bildung wird neben traditionellen Themen und Techniken insbesondere auch aktuell Drängendes wie Bild- und Medienkompetenz in postdigitalen Zeiten thematisiert.
Über die drei Fächer der Ästhetischen Bildung hinaus existiert ein noch weiterer, interdisziplinärer Bereich zwischen allen Fachdisziplinen in der Schule, in dem Ästhetische Bildung stattfinden kann und der sehr gut performativ erschlossen werden kann. Das Fach Performance eignet sich par excellance für die Kooperation mit anderen Fächern. Entlang der Themen aus anderen, auch rein theoretischen Unterrichtsreihen ist es möglich, Performances, Tanz, Theaterstücke, Konzerte und Inszenierungen zu entwickeln, in denen die behandelten Themen verarbeitet und mittels performativer Medien untersucht werden. Möglich wären beispielsweise: Reenactments von Ereignissen, die im Geschichts- oder Politikunterricht behandelt werden, Inszenierung von Theaterstücken und kurzer Szenen mittels der Texte und Worte, die im Deutschunterricht und dem Fremdsprachenunterricht behandelt werden, die Übersetzung mathematischer Regeln in musikalische oder tänzerische Kompositionen, Lecture-Performances, in denen Phänomene des naturwissenschaftlichen Unterrichtes künstlerisch forschend untersucht werden – allesamt Strategien, die in den aktuellen Performativen Künsten zu identifizieren sind und in Schule einen produktiven Platz einnehmen könnten. Mögliche Schnittstellen mit aktuell bestehenden Lehrplänen anderer Fächer in NRW wurden herausgearbeitet und sind zu finden unter:
https://lehrplanfaecheruebergreifendeideen.wordpress.com.

 

Wünschenswert ist also, dass parallel zur Einrichtung des Faches Performance Schulstrukturen für übergeordneten und projektübergreifenden Unterricht geschaffen werden.

1.3 Das Fach Performance als Ästhetische Bildung

Performance als Ästhetische Bildung eröffnet ein vielfältiges ästhetisches Gestaltungsfeld, in dem Personen, Gruppen, Publikum, Raum, Zeit, Medium, Bild, Sprache, Stimme und Klang im Handeln in einem organischen System zu Wirkungen gelangen. Durch übergreifende Auseinandersetzung mit performativen Praxen erlernen die Schüler*innen, neben kognitiven Fähigkeiten, vielfältige körperlich-sinnliche, emotionale sowie kommunikative und interaktive Wahrnehmungs- bzw. Handlungsmöglichkeiten, um sich sozialen und gesellschaftlichen Konstrukten, Situationen und Problemstellungen zu nähern. Hierbei lernen Schüler*innen im Fach Performance im Sinne der Ästhetischen Bildung die Wahrnehmung, Gestaltung und Reflexion der Welt mittels des handelnden Körpers:

Wahrnehmung
Sinnliches Wahrnehmen und ästhetisches Empfinden fördern ein differenziertes Bewusstsein und erweitern Ausdrucks- und Aneignungsmöglichkeiten. Schüler*innen erhalten die Möglichkeit, Inhalte über die verschiedenen Sinne zu erfahren und deren Bedeutung(en) körperlich zu erfassen. So wird das Wahrnehmungsvermögen intensiviert. Die Wahrnehmung und Wahrnehmungsförderung bilden hierbei das Fundament ästhetischer Lehr- und Lernprozesse.

Gestaltung und Körperbewusstsein
Die Schüler*innen werden sich des eigenen Körpers und dessen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten bewusst. Sie lernen, ihren Körper wahrzunehmen, erkunden dessen Aktionsmöglichkeiten und Grenzen und setzen ihn in performativen Handlungsvollzügen als Medium ein. Sie erlernen einen liebevollen Umgang mit dem Körper und erfahren das körperliche Bedeutungspotenzial bzgl. Bewegung, Bild und Handlung in künstlerischen und alltäglichen Situationen. Sie lernen zu experimentieren, zu (re-)produzieren und zu improvisieren. Durch den bewussten Einsatz von Sound, Sprache und Bewegung, aber auch von Haltung, Gestik und Mimik, erfahren Schüler*innen die Wirkungsmechanismen von Körper und Stimme. Die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten werden durch ergänzende ästhetische Praktiken und Medien erweitert. Durch die Erprobung unterschiedlicher Medien, performativer Handlungen und deren stetiger Reflexion wird die eigene Artikulationsfähigkeit differenziert und erweitert.
Reflexion ästhetischer Prozesse
Die Schüler*innen können Sachverhalte, Handlungen bzw. performative Praktiken und Wirkmechanismen vor dem Hintergrund ihres eigenen Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizontes kritisch betrachten und hinterfragen. Sie können selbst mit ästhetischen Wirkungen experimentieren und diese wiederum sprachlich reflektieren. Die Reflexion ästhetischer Prozesse findet im Gespräch, durch Einfühlung und Mitgefühl (affektiv), durch Denken, Schlussfolgern und Wissen (kognitiv), durch praktische Tätigkeit (produktiv) sowie durch erfindungsreiches Handeln (kreativ) statt.