Symposium „Die Güte der Gewohnheit* Sprechen Setzen Sehen“
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Das Symposium ist Teil der Veranstaltung „Art School Köln/Wien: Soft Walls, Iterative Behavior“ – eine Kollaboration derKünstlerischen Praxis, Universität zu Köln (Prof. Mirjam Thomann, Michel Gockel) und dem Institut für Kunst und Wissenstransfer, Universität für angewandte Kunst Wien (Prof. Eva Maria Stadler, Sen. Sc. Mag Jenni Tischer)
Universität für angewandte Kunst Wien
Auditorium (EG)
Vordere Zollamtsstraße 7
1030 Wien
Freitag, 28. November 2025
14.00 – 21.00 Uhr
Jahrelang ging ich, wenn Ende September die Kälte begann, jeden Nachmittag in das Kino in der Annenstraße, um mich mit den Gesten und Bewegungen der riesengroßen Menschen auf der Leinwand aufzuladen.
Clemens Setz: DIE KATZE WOHNT IM LALALANDE‘SCHEN HIMMEL
Titelgebend für das Symposium, dem ein Seminar an der Universität für angewandte Kunst Wien vorausging, ist das Magazin ‚Die Güte der Gewohnheit’ das Martin Kippenberger, im Jahr 1984 gemeinsam mit Albert Oehlen u.a. herausgegeben hat.
Die paradoxe Struktur der Gewohnheit, die in Formen der Bestimmung einerseits und ihrer Befreiung daraus liegt, bildet den Ausgangspunkt für die Diskussion der ästhetischen, künstlerischeren und politischen Dimension der Gewohnheit.
Den Begriff der Gewohnheit diskutieren wir im Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit, Kontinuität und Disruption. Vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen mit ihren jeweils spezifischen Ausprägungen, wie der aristotelischen ‚hexis‘, der bestimmenden Grundhaltung, die sich durch Gewöhnung ausprägt, oder der Herausbildung einer ‚zweiten Natur‘ durch den eingeübten ‚habitus‘, fragen wir nach Möglichkeiten der Gewohnheit, ihren Zwängen, Beschränkungen und Abhängigkeiten.
Momente der Unterbrechung der Norm, der Veränderung und Krise können Mittel der Befreiung sein. Der Tendenz der Opposition von Freiheit und Abhängigkeit, Selbständigkeit und Unselbständigkeit, Individuum und Gesellschaft liegt ihrerseits eine duale Struktur zugrunde, deren Mechanik zu diskutieren ist. Ist es möglich, durch die sinnliche Erfahrung und Praxis der Kunst das Gewohnheitsmäßige (anzu)erkennen, aus ihm herauszutreten, und über Umwertung und Anpassung Muster der Gewohnheit zu codieren? Welche Potentiale haben in diesem Prozess Formen der Wiederholung, Verfahren der Modifikation, Rekonfiguration und Deformation? Sind ästhetische Praktiken demnach als Modelle der Freiheit oder als Mechanismen zu ihrer Erlangung anzusehen?
Wie können Denken, Verhalten, Leidenschaft und Handlung nicht für sich, sondern in ihrer Wechselwirkung begriffen werden? Sind Formprozesse jenseits linearer Vorstellungen etwa im Sinne einer Déformation professionelle denkbar? Wie schreiben sich unsere Körper, unsere sozialen Beziehungen in die räumlichen, architektonischen und medialen Umgebungen von Gewohnheiten ein?
Können menschliche Beziehungen in ihren Zwischentönen auf den Bühnen politischer Bedingungen zur Aufführung gelangen? Wie sehen Aktionsräume zwischen Anpassung und Widerstand aus und wie tanzen wir mit dem Raum, ohne ihn zu vereinnahmen?
Martin Kippenberger, Die Güte der Gewohnheit/Fotografie. Zeitschrift für Kultur jetzt, 1984
Programm:
14.00
Eva Maria Stadler
Die Güte der Gewohnheit
Sprechen Setzen Denken – Symposium
In der Konstellation von ‚Sprechen Setzen Denken‘ steht der Begriff der Gewohnheit im Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit, von Kontinuität und Disruption zur Diskussion. Vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen mit ihren jeweils spezifischen Ausprägungen, wie der aristotelischen ‚hexis‘, der bestimmenden Grundhaltung, die sich durch Gewöhnung ausprägt, oder der Herausbildung einer ‚zweiten Natur‘ durch den eingeübten ‚habitus‘, fragen wir nach Möglichkeiten der Gewohnheit, ihren Zwängen, Beschränkungen und Abhängigkeiten.
14.30
Jenni Tischer/Mirjam Thomann
Art School Köln/Wien: Soft Walls, Iterative Behavior
Eine Installation von Student*innen der Universität zu Köln und der Universität für angewandte Kunst Wien für das Symposium ‚Die Güte der Gewohnheit‘
15.00
Hegels Gewohnheit
Es lesen:
Justus Puls, Schüler
Jan Völker, Philosoph
Luise Knecht, Studentin
Bibiana Beglau, Schauspielerin
15.30
Bernhard Lang
Reine Differenz und Komplexe Wiederholung
im Gespräch mit Marie Therese Rudolph
Der Komponist Bernhard Lang befragt in seinem Werkzyklus ‚Differenz und Wiederholung‘ mechanische und sinnliche Qualitäten von Wiederholung und deren Abweichungen. Basierend auf der gleichnamigen Schrift von Gilles Deleuze erweitert Bernhard Lang das philosophische Spektrum durch Loops, Sampling und Strategien des Programmierens von Klang und Bewegung im Raum. Im Gespräch mit der Musikwissenschaftlerin, Autorin und Kulturarbeiterin Marie Therese Rudolph steht die Diskussion um das Verhältnis von Wiederholung und Gewohnheit im Mittelpunkt.
16.15
Pause
17.00
Clemens J. Setz
Die frühere Menschheit
„Die wenigen Reisen, die er unter Aufbietung all seines Mutes unternahm, brachten ihn immer wieder verlässlich zu seinem Ausgangspunkt zurück.“ (Clemens J. Setz über sich selbst)
17.45
Thomas Eggerer
Gesture and Territory
im Gespräch mit Eva Maria Stadler
In seiner Malerei interessiert sich Thomas Eggerer insbesondere für das Zusammenspiel von Architektur und individueller, wie kollektiver Bewegung im Raum. Die Berührung eines Handlaufs, die Farbe einer Wand, die Böschung unter einer Brücke, oder die Ordnung der Körper auf einer Rolltreppe – Thomas Eggerer sieht im Unbestimmten des Bestimmten Möglichkeiten für Formprozesse sozialer Codes, Unsicherheiten und Ambivalenzen.
18.30
Mirjam Thomann
The Back of Sculpture
Die Künstlerin und Lehrende Mirjam Thomann interessiert sich für die Reflexion und Überschreitung architektonischer, sozialer und institutioneller Ordnungen mit den Mitteln der Skulptur, Installation und mit Text. In ihren Arbeiten nimmt sie den Ausstellungsort als Anlass, als Raum und Struktur, die sie aktiviert und erweitert. Eigenschaften wie Wiederverwendbarkeit, Kombinierbarkeit und Beweglichkeit von Materialien spielen dabei ebenso eine Rolle wie Fragen nach Routinen und Ritualen künstlerischen Handelns.
19.00
Pause
19.30
Sophia Rohwetter
Das Leben der Autos. Autofiktion und der Riss im Alltäglichen
Gegen den anti-fiktionalen Antrieb zeitgenössischer Autofiktion entwirft die Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin Sophia Rohwetter (in einem Auto von Lukas Kaufmann) Fragmente einer Geschichte und Theorie der automobilen Autofiktion. Während die anti-fiktionale Ich-Form uns enger an die Welt bindet, wie wir sie kennen, markieren die automobilen Autofiktionen (und Autorealismen) – von Ilja Ehrenburg und Viktor Shklovsky über Marguerite Duras bis Pippa Garner und Mike Kelley – Risse im Alltäglichen und werden so als künstlerische Verfahren der Verfremdung lesbar.
20.00
Lukas Kaufmann und Miriam Stoney
Stuhlbesprechung
Die Künstler*innen Lukas Kaufmann und Miriam Stoney sprechen über ästhetische und politische Implikationen des Stuhls 266 ST von Josef Frank.
Bildcredits: Lukas Kaufmann