Semesterthema WiSe 26/27 – Freund*innenschaft
Freund*innenschaft
Freund*innenschaft gilt gemeinhin als private Angelegenheit: als freiwillige zwischenmenschliche Beziehung, getragen von Zuneigung, Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung. Doch Freund*innenschaften sind mehr als persönliche Bindungen. Sie strukturieren Zugehörigkeiten und Ausschlüsse, organisieren Sorge, Solidarität und eröffnen Möglichkeiten gemeinsamen Handelns. In ihnen verdichten sich Fragen u.a. nach Abhängigkeit, Verantwortung, Gerechtigkeit und demokratischem Zusammenleben. Kurz: Sie sind auch genuin politische Beziehungen (vgl. Castro Varela & Oghalai 2023)
Angesichts globaler Krisen, wachsender sozialer Ungleichheiten, autoritärer Bewegungen und zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung stellt sich aktuell die dringliche Frage, wie Menschen miteinander leben wollen, nach ihrem sozialen Band. Welche Beziehungen tragen Gesellschaften und welche Beziehungsweisen (Adamcik 2017) können zu ihrer Transformation beitragen? Welche Formen solidarischen Zusammenlebens werden möglich und welche verhindert? Freund*innenschaft erscheint dabei nicht als geschlossene Gemeinschaft Gleicher, sondern als eine dynamische, offene und spannungsreiche Praxis der Beziehungen zum Anderen (vgl. Derrida 2002): Welche Allianzen und Beziehungen können über Differenzen hinweg entstehen, ohne diese Differenzen zu negieren?
Das Semesterthema begreift daher Freund*innenschaft als soziale, gesellschaftspolitische und globale Praxis. Es knüpft an aktuelle Debatten der politischen und feministischen Theorie, der Postkolonialen Studien sowie der Queer und Disability Studies an und fragt danach, wie Beziehungen nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse sind, sondern diese zugleich hervorbringen und verändern. Auch im Kunstdiskurs werden die politischen Potenziale von Freund*innenschaft thematisiert. Isabelle Graw (2022) zeigt in Vom Nutzen der Freundschaft, wie eng künstlerische Produktion mit Netzwerken der Kooperation, Fürsorge und Anerkennung verbunden ist und zugleich von Ambivalenzen zwischen Solidarität und Konkurrenz geprägt bleibt. Vor diesem Hintergrund erscheinen künstlerische Praktiken selbst als Praktiken der Beziehung: Sie schaffen Gemeinschaften auf Zeit, ermöglichen Begegnungen über Differenzen hinweg und eröffnen ambivalente, konflikthafte Zeiträume, in denen soziale Wirklichkeiten dargestellt, kritisch analysiert und anders erprobt werden können.
Das Semesterthema sucht dementsprechend in Lehrveranstaltungen nach Formen und Praktiken eines ,freundschaftlichen‘ Zusammenlebens und fragt danach, welchen Beitrag die Künste und Ästhetische Bildung zur Gestaltung desselben leisten können. Mögliche Anknüpfungspunkte dafür sind:
– Freund*innenschaft als politische Praxis und Allianzbildung
– Demokratie, Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt
– Fürsorge und geteilte Vulnerabilität
– Queere und Crip Perspektiven auf Wahlverwandtschaften
– Postmigrantische und transnationale Freund*innenschaften
– Kunst als Praxis der Beziehung und des Zusammenkommens
– Ambivalenzen von Konkurrenz und Kooperation im Kunstfeld
– Digitale Öffentlichkeiten und Plattformfreundschaften
– Mehr-als-menschliche Beziehungen und ökologische Verbundenheit
- Gesa Finke, 14688.0075, Gemeinsam. Kooperationen und Kollaborationen in der Musikkultur
- Hannah Gelbke, 14676.0025, Kunst, Wahrnehmung und das Politische
- Oliver Kautny, 14685.0001, Von Toleranz bis Empathie – Theoretische und praktische Perspektiven der Ethik für den Musikunterricht
- Sean Prieske, 14689.0002, Music of Gast- and Vertragsarbeiter. Traditions of migrants‘ music in Germany
- Pascal Rudolph, 15382.0017, Soundtracking Political Media: Musik als Medium politischer Meinungsbildung
- Alina Bonitz, 15866.0019, Craftivism
- Alina Bonitz, 15866.0047, Haltung üben für eine Queere Kunstpädagogik
- Katja Lell, 15866.0056, Hydrocommons: Ästhetische Forschungswerkstätten zu Mensch-Wasser-Beziehungen aus Perspektive der Disability Justice
- Burak Şengüler, 15866.0043 freund*innenschaft. ein performanceseminar
- … Weitere Veranstaltungen folgen.
Bildcredits: Koralle 2: Digitale Collage aus eigenen Aufnahmen zur Installation Satellite Reef von Margaret Wertheim und Christine Wertheim Baden-Baden 2022, Alina Bonitz