Foto: ©Luisa Riekes

WORKSHOPBESCHREIBUNG

In diesem Workshop gehen wir auf die Suche nach dem revolutionären Wir (denn die Welt können wir nicht alleine retten).
Das revolutionäre Wir kommt dort zum Vorschein, wo das Gewohnte aufbricht. Im Moment des Nichtwissens bekommt es eine neue Form. Das revolutionäre Wir keimt dort auf, wo Gemeinsames am wenigsten erwartet wird, wo das Unbekannte zum Vertrauten avanciert.

Wir beobachten, intervenieren, verschieben, verlernen, verbinden, imaginieren – und vielleicht halten wir auch mal aus.

Das revolutionäre Wir streckt seine Tentakeln aus, wächst und ist bereit für die Veränderung (Revolution).

Die neue Situation von Sozialer Distanziertheit scheint wie ein Filter zu sein, mit dem alles eine andere Färbung erhalten hat. Die Fragen sind die gleichen, aber etwas hat sich verschoben, ist mehr zum Vorschein gekommen oder noch mehr ins Wanken. Die Ecken sind schärfer geworden. Ich will mit euch praktisch nach einer aktuellen Öffentlichkeit forschen und in einen Dialog mit ihr treten. Mit subversiven Gesten, mutigen Gedanken und utopischen Narrativen. Das revolutionäre Wir wird gebraucht.

Wanda Dubrau leitet den Workshop mit der Nummer 4.

EINDRÜCKE UND REFLEXIONEN AUS DEM WORKSHOP

Reflexion von Anna Ocklenburg

Im Folgenden möchte ich mich noch einmal reflektiert mit den theoretischen und praktischen Bezugspunkten des Blockseminars auseinandersetzen.
Der Öffentliche Raum, ein Einordnungsversuch: Auf der Suche danach, was öffentlichen Raum ausmacht, ist mir im Laufe des Forschungsprozesses bewusst geworden, dass dieser ganz unterschiedlichen Funktionen aufweisen kann und oftmals unbewusst und automatisiert genutzt wird (z.B. Verkehrsraum, Konsumraum, etc.). Öff. Raum verwirklicht sich durch das Verhalten der Menschen, die ihn nutzen. Sie bilden ihn räumlich-konkret ab. Öff. Raum scheint oftmals durch konventionell getroffene, „unsichtbare Codes“ beeinflusst zu sein. Er ist demnach vielmehr als Prozess zu verstehen. Öff. Raum verwirklicht sich in der Zusammenkunft von Individuum und Gesellschaft und spiegelt gleichzeitig ihr Verhältnis wider. Es ist die Art und Weise der Begegnung zwischen Fremden und Gleichgesinnten, zwischen Beobachtern und Beobachteten, zwischen Aktion und Stillstand, zwischen Anonymität und Gruppenzugehörigkeit.
Die Funktion und Nutzung öff. Raums ist zusammenfassend betrachtet immer an gesellschaftliche Verhandlungsprozesse gekoppelt, die starken Einfluss auf die Wahrnehmung und den Gebrauch von Raum haben.
Urbane Interventionen, Performanceakte und Streetart bergen dabei das große Potenzial, unsichtbar-Gewordenes wieder sichtbar zu machen, Strukturen neu zu denken, neu zu gestalten und neu nutzbar zu machen.

Eigenschaften eines „revolutionären Wir’s“. Wie kann ich im öffentlichen Raum Teil eines „revolutionären Wir’s“ sein?
Um dem Seminarthema, dem „revolutionärem Wir“, näher auf den Grund zu gehen, habe ich mir drei Eigenschaften überlegt, die in Verbindung mit drei Handlungsanweisungen stehen. Ausgangspunkt der Überlegungen war die Frage danach, wie die für mich sichtbargewordenen Ordnungsstrukturen/Systemstrukturen eines öff. Raums durch Störungs- bzw. Irritationsmomente aufbrechen könnten.

Hier zu sehen, ist ein Ausschnitt der Domtreppen/Vorplatz des HBFs. Ich habe mir bewusst Zeit dafür genommen, 15 Minuten lang Menschen in diesem Bereich des öff. Raums zu beobachten. Dabei fiel mir u.a. auf, dass hier Raum auf ganz unterschiedliche Weisen genutzt wurde: Die Treppen (auch der Vorplatz) stellten in Gleichzeitigkeit u.a. Überquerungsraum, Warteraum, Kommunikationsraum, Beobachtungsraum und Aktionsraum dar.
Durch verschiedene Perspektivwesel (stehend vor, sitzend zwischen, stehend hinter den Menschen, Augen geschlossen, Ohren geschlossen, etc.) konnte ich auf sinnlich unterschiedliche Weise Regeln und Systeme beobachten, die ich durch die nun folgenden Praktiken in Bezug auf ein „revolutionäres Wir“ zu dekonstruieren versuchte:

  1. Das Revolutionäre Wir schwimmt gegen den Strom: Es ist wagemutig.
    Ziehe deine Schuhe aus und laufe rückwärts die Domtreppen hinauf.
  2. Das Revolutionäre Wir braucht einen Impuls: Es ist dynamisch.
    Nehme einen Wollknäuel, stelle dich auf das eine Ende und wirf den zu einer Kugel geformten Rest die Treppen hinab. Beobachte, wie sich der Impuls weiterentwickelt.
  3. Das Revolutionäre Wir hinterlässt Spuren. Es ist authentisch.
    Nehme Kreide und hinterlasse Spuren/Abdrücke/Nachrichten.

Der eigene Körper diente in diesen Momenten in besonderer und ursprünglicher Weise als Erkenntnisinstrument für Selbst- und Raumerfahrung. Den Raum mit (beinahe) allen Sinnen bewusst zu erkunden, stellte dabei eine interessante „Entdeckungsreise“ dar, die Ungewohntes, Unplanbares und neue Erkenntnisse mit sich brachte.
Ich konnte die Mächtigkeit von Grenzsetzungen erfahren. Es ging dabei nicht nur um Grenzen, die allein durch sichtbare Barrieren, wie Mauern, Zäune oder Wände konstituiert sind, sondern in genauso mächtigen Maße um Grenzgebungen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht so ersichtlich scheinen wie der Gebrauch von kollektiv motivierten Verhaltensweisen oder Ritualen. Die Gestaltung und Verhandlung von Räumen führt zu Verhaltensroutinen und unbewusst durchgeführten Verhaltensmustern.
Anfangs noch sehr herausfordernd für mich, konnte ich es nach kurzer Eingewöhnungsphase schaffen, die von mir vorab beobachteten Muster durch Ausführung meiner Handlungsanweisungen zu queeren. Ich stellte fest, dass sich einige Personen umdrehten, die Kommunikation zu mir suchten oder sogar Impulse aufnahmen, mitmachten oder weiterentwickelten. Es entstand ein neuer Raum, ein auf zwischenmenschliche Begegnung ausgerichteter.
Durch diese kleinen Interventionen im öff. Raum, konnte ich meine eigene (Raum-) Wahrnehmung sensibilisieren und mich weiterhin mit der Chance urbaner Interventionen, der Unbestimmtheit des mir (noch) Fremden auseinandersetzen. Gerade künstlerische und ästhetisch motivierte Performance im öff. Raum bergen das Potenzial, prozessorientiert und ergebnisoffen, den provozierten Dialog mit seinem Umraum zu suchen. Irritierte Blicke von Passanten, Das Nachahmen, Mitmachen und in Gang bringen weiterer performativer Schritte durch neugierige Schaulustige, kann dazu anregen, sich eigene Sichtweisen bewusster zu machen, zu hinterfragen, neu zu verhandeln ,(un)sichtbare Grenzen zu sprengen, Horizonte zu erweitern und zu einer Sensibilisierung der Raumwahrnehmung und Nutzung zu gelangen.
Fazit: Durch die Springschool sensibilisiert, möchte ich mich weiterhin mit der Verhandlung von öffentlichem Raum beschäftigen: Wo befinden sich (bewusst) gesetzte Grenzen? Wer wird mitbedacht und wer nicht? Was macht das mit mir und uns? Wer sind Wir? Müssen wir uns nicht immer wieder neu verhandeln?
Meine eigene Haltung möchte ich dahingehend weiterhin verstärken, Gegebenes zu hinterfragen und Perspektivwechsel zu ermöglichen, indem ich das „hierundjetzt“ durch Unerwartetes konfrontiere. Dabei können schon kleine Interventionen, wie z.B. das Rückwärtslaufen durch scheinbar definierten öffentlichen Raum (z.B. Shoppingstraßen) für eigene Irritationsmomente sorgen, Unbewusstes sichtbar machen und Impulse in Gang setzen.

Das revolutionäre Wir
Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Eigenschaften des revolutionären Wirs, möchte ich abschließend dazu meinen „Gedankenstrom“ festhalten, der Antworten sucht und Fragen aufwirft: