WORKSHOPBESCHREIBUNG

The world may turn, but nothing changes (except perhaps the weather) unless we make change happen. GNB (girls next Band) is a rotating member music group which was founded at the University of Cologne as part of springschool. The members experimented in sound, sonifying their environment, simultaneously sensitizing perception based on Deep Listening. The practice is an initiation not just for audio work, but a powerful tool developed by Pauline Oliverios. Additionally GNB are influenced by David Tudor, hacking toy pianos as well as performing with new technology gadgets, anything they get their hands on. If you do not know yet GNB, then join us, lets make the future happen. GNB will be founded May 22nd 2018 and you are welcome to join the multitude, experience multiplicity and make sure something very bad does not happen, namely NOTHING.

The workshop no. 1 will be given by: Melissa Logan from Chicks on speed

EINDRÜCKE UND REFLEXIONEN AUS DEM WORKSHOP


Videostill aus der finalen Abschlusspräsentation, einem performativem Konzert.

Zick Zack Zigenuerpack – Reflexion von Gino Ula
Es begann mit Frau Wassermeyer in der fünften Klasse des Gymnasiums. Frau Wassermeyer war unsere Klassenlehrerin und hatte mit einer neuen Sitzordnung für mehr Ruhe sorgen wollen. Tim saß deshalb von nun an neben Nicole und Tatjana, Felix neben Aylin und Susanne, und ich saß neben Gamze. Mein 10-jähriges Ich fand diesen neuen Umstand überhaupt nicht toll. Ich rief Tim irgendetwas Mürrisches zu. Frau Wassermeyer sprach mich an und fragte, was denn los sei. Ich erwiderte, ich wolle gerne neben meinen Freunden sitzen. Ich wisse gar nicht, was das soll. Noch dazu müsse ich neben einem Mädchen sitzen. Gamze lächelte mich bloß amüsiert an. Frau Wassermeyer war empört und schimpfte fast schreiend vor der ganzen Klasse: „Gino, du türkischer Macho!“
Als Junge verstand ich nicht vollumfänglich, was dort gerade passiert war. Ich konnte Frau Wassermeyer nur noch mit großen Augen ansehen, unfähig irgendetwas darauf erwidern zu können. Die Klasse kompensierte ihre Verunsicherung mit lautem Gelächter. Gamze lächelte mich weiterhin amüsiert an. Ich fühlte aber, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war an Frau Wassermeyers Ausbruch. Ich spürte, dass es in mir etwas ausgelöst hatte, das ich nicht beschreiben konnte – ein unbestimmtes Gefühl, das durch meine Knochen waberte wie eine Nebelschwade. Erst später verstand ich, dass dieses Gefühl nie wieder verschwinden würde.

Diese Situation stellt meine früheste Erinnerung an erlebtem Rassismus dar. Frau Wassermeyer wusste, dass ich zur Hälfte türkische Wurzeln hatte. Mein Großvater war vor fünfzig Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und hatte jahrelang bei Ford gearbeitet. Mein Vater ist zwar in der Türkei geboren, aber in Deutschland aufgewachsen. Für Frau Wassermeyer konnte ich offensichtlich nicht bloß Macho sein. Für sie stellte „der Türke“ und „der Macho“ eine Einheit dar, als gebe es einen Archetyp des türkischen Machos. Frau Wassermeyer verband eine Ethnie mit einer bestimmten Eigenschaft. Sie schleuderte mir dies vor versammelter Mannschaft ins Gesicht, stellte mich bloß und beleidigte mich rassistisch.
Ich bezweifle, dass Frau Wassermeyer so reagiert hätte, wenn der Junge Michael oder Maximilian geheißen hätte. Dann hätte sie die Situation wahrscheinlich als harmloses, kindisches Schmollen abgetan.
Wenn ich die Situation und mein Verhalten rekonstruiere, war der Hauptgrund meines Ärgers, nicht mehr neben meinen Freunden sitzen zu können. Aber es zeigt auch, dass ich es als Junge in diesem Moment offensichtlich als besondere Bürde empfand, auch noch neben einem Mädchen sitzen zu müssen. Ich als Lehrkraft würde in solch einer Situation natürlich nachhaken und genau das thematisieren. Ich würde denjenigen fragen, warum das denn besonders schlimm sein soll. Dass es dafür keine einleuchtende Begründung gibt, müsste jedem Jungen nach kurzer Überlegung klar sein, auch wenn diese es nicht direkt öffentlich zugeben wollen.
Und auch wenn Gamze lächelte, heißt das nicht, dass sie das nicht auch verletzt haben könnte. Und natürlich offenbarte meine Aussage, dass ich als Junge natürlich unreflektiert Denkmuster reproduzierte. „Die Mädchen“ wurden in gewisser Weise von mir abgewertet. Dass die Ursache auch in meiner Schüchternheit lag oder der Tatsache geschuldet war, dass es leider noch oftmals reine Jungencliquen und Mädchencliquen in der Grundschule und auch auf der weiterführenden Schule gab (und gibt), muss mitbedacht werden. Trotzdem bieten solche Situationen auch für mich als zukünftige Lehrkraft eine Chance auf behutsame Weise alte Denkmuster bzw. sexistische Denkmuster und Einstellungen zu durchbrechen und zu verändern. Frau Wassermeyer hätte die Chance gehabt, mich meine Aussage genauer hinterfragen zu lassen. Jedoch entschied sie sich für offenen Rassismus und Erniedrigung. Überdies hatte Gamze auch türkische Wurzeln, was uns beide in diesem Punkt in selbiges Boot katapultierte.
Als „Migrantenkind“ hat man es in Deutschland schwerer. Mohammed bekommt bei gleichen Leistungen schlechtere Noten als Michael. Daniela wird bei einem Ausbildungsplatz der Vorzug vor Ebru gegeben, die bessere Noten hat aber Kopftuch trägt. Und später haben Ebru und Mohammed weniger Chancen, eine Wohnung zu bekommen als Daniela und Michael, obwohl sie mindestens genauso qualifiziert sind. Auch ich musste seit jeher mit Alltagsrassismen und auch Anfeindungen umgehen lernen. Das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, wurde immer wieder neu genährt, wenn mal wieder über das „Türken-Problem“ und die „Asi-Türken“ gesprochen wurde. Neben vielen anderen Personen in Deutschland frage auch ich mich, wie viele Generationen die eigene Familie denn noch in Deutschland leben muss, damit man als „deutsch“ akzeptiert wird, was immer das auch letztendlich bedeuten mag.
Ein weiterer Umstand, der mich vielleicht noch stärker geprägt hat, ist der, dass meine Mutter Sintiza ist, was mich zum Sinto macht. Die Beschäftigung mit dem Porajmos während der Zeit des Nationalsozialismus und die Aufarbeitung der Geschichte meiner Familie, die in Nazi-Deutschland verfolgt und teilweise in Auschwitz vergast wurde, sowie die Straffreiheit für am Porajmos beteiligte Personen wie Robert Ritter und Eva Justin hat mich für Themen wie Ausgrenzung und Diskriminierung sensibilisiert. Antiziganismus ist in Europa ungebrochen und extrem verbreitet. In vielen Ländern, wie z.B. Italien und Ungarn, manifestiert sich eine neue Form des Hasses gegen Sinti und Roma, die immer mehr an das „Dritte Reich“ erinnert. Im Unterschied zu berechtigter Empörung aufgrund antisemitisch motivierter Taten, gibt es bei offenem Antiziganismus kaum Widerspruch oder Gegenwehr.
In der Schule outete ich mich als Sinto und musste auch hier mit Rassismus und Antiziganismus umgehen lernen. Ausgrenzung und Benachteiligung sind somit Dinge, die ich nicht bloß theoretisch kenne, sondern am eigenen Leib erfahren musste und immer noch erfahre. Für mich als zukünftigen Lehrer sind diese Erfahrungen essenziell, schaffen sie doch ein Bewusstsein für all diese Themen. Sie bereiten den Boden für einen wertschätzenden, toleranten und würdigen Umgang mit jeder Person, ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder sozialen Status.

Ich war besorgt, als ich in einem Uni-Seminar, das ich in einem der vorangegangen Semester im Fach Geschichte belegt hatte und das explizit feministische Inhalte thematisierte, als einziger offensichtlich heterosexueller Mann innerhalb des Seminars das Gefühl hatte, von Beginn an auch so behandelt zu werden d.h. in gewissem Sinne als Prototyp eines Mannes – des Feindes – angesehen zu werden, der nun feministisch erzogen werden müsse. Ich musste unweigerlich an Frau Wassermeyer denken. Und die Gefühle der Ausgrenzung und Vorverurteilung, die mir so bekannt sind, stiegen wieder in mir hoch wie wabernde Nebelschwaden. — Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren mit dem Feminismus und bezeichne mich auch als Feministen. Natürlich sehe ich es als lebenslangen und notwendigen Prozess an, sich und die eigenen Ansichten und Denkmuster stetig zu reflektieren und auszubessern, weil es überall und zu jeder Zeit verbesserungsbedarf gibt. Da halte ich es aber mit Jesus: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ — Nun kann es sein, dass es für dieses Gefühl der Ausgrenzungserfahrung keinen faktischen und sachlichen Grund gibt. Und zudem möchte ich auch keine Opfernarration entwerfen. Doch aufgrund all meiner Erfahrungen plädiere ich für ein feministisches Bewusstsein, das class, race und gender gemeinsam denkt. All diese Kategorien sind rhizomartig miteinander verflochten und verlangen rhizomartig gedacht zu werden. In meinem Verständnis hat der Feminismus die Chance es besser zu machen als alle anderen. Es ist wichtig und notwendig, kämpferisch gegen sexistische Strukturen vorzugehen sowie Ungerechtigkeiten öffentlich zu machen und mit allen Mitteln anzuprangern. Damit sich die Strukturen jedoch ändern, ist es zudem wichtig, alle Menschen mit ins Boot zu holen. Der Feminismus sollte eine offene Gesprächskultur schaffen und beibehalten, in der sich niemand ausgegrenzt oder vorverurteilt fühlt, in der aber auch klar Werte wie Gleichberechtigung, Toleranz und Achtung postuliert werden. Ich – als Mann, Sinto, Türke und Deutscher – muss das Ruder hierbei nicht in die Hand nehmen. Ich bin schon zufrieden, wenn ich einfach nur im Boot sitzen darf.


künstlerische Reflexion von Sebastian Schmidt.

Reflexion über den Workshop von Sebastian Schmidt
Zugegebenermaßen musste ich mir lange überlegen, ob es Sinn macht als Mann an einem Workshop mit solch einem Titel teilzunehmen. Obwohl ich absoluter Gegner eines solchen Systems bin, hatte ich mich bis zum jetzigen Zeitpunkt nie als Feminist oder Queer-Aktivist gesehen. Ein Interesse an Themen dieser Art war jedoch nicht nur wegen meiner eigenen Zugehörigkeit zur LGBT-Szene seit jeher präsent. Nichtsdestotrotz hatte ich großen Respekt vor der Spring School und überzogen dargestellt sah ich in meiner Vorstellung bereits feministische Manifeste zur Auslöschung des männlichen Geschlechts – Und ich mittendrin!
Überzeugt hat mich letztendlich das sehr interessante Angebot der einzelnen Workshops und deren thematische Projektideen. Mit völliger Begeisterung hatte ich im letzten Semester bereits ein Seminar von Reut Shemesh besucht, aus dem ich unglaublich viel mitnehmen konnte. Im Rahmen dessen hatten wir ausgewählte Bilder tänzerisch dargestellt und durch „Transformation und Reenactment“ (Unter diesem Motto stand die finale Performance) ein improvisatorisches Erlebnis geschaffen. Als meist sehr bedachter und vorsichtiger Mensch konnte ich hier ganz offen meine Persönlichkeit entfalten und gesellschaftliche Normen über bestimmte Verhaltensweisen vergessen. Ich habe mich schlichtweg wohl gefühlt.
Als Kontrast zu diesem tänzerischen Seminar habe ich mich im Rahmen der Spring School für den Workshop mit dem Titel „GIRLS NEXT BAND“ von Melissa E. Logan entschieden. Inspiriert durch ihre Arbeit mit „Chicks on Speed“ war es für mich als Musiker sehr interessant, Musik aus einer anderen Perspektive zu sehen. Meine Erwartungen lagen deswegen in der Vorstellung: Weg vom Versuch der musikalischen Perfektion und jeglichen Konventionen und hin zu einer gesellschaftskritischen, sehr viel offeneren und performativeren Art und Weise des musikalischen Ausdrucks. Wie beim Tanz wollte ich einfach ausbrechen und mich selbst neu kennenlernen.
Melissa durfte ich als sehr offene und kreative Persönlichkeit kennenlernen. Sie nahm uns zu Beginn direkt jegliche Anspannung und Angst, sodass sehr schnell eine angenehme Gruppendynamik entstand. Deutlich wurde auch sehr schnell, dass man aus den einfachsten Dingen und Geräuschen, sehr interessante Melodien und Stücke erarbeiten kann. So begannen wir sehr bald, erste Ergebnisse aufzunehmen und festzuhalten um später aus einer großen Auswahl an einzelnen Elementen schöpfen zu können. Ob dabei Fotos, Videos, .Gifs oder Soundaufnahmen entstanden, war zunächst nicht wichtig. Mit der Hilfe von Claudia List entstand ein Film, der am Ende, unterstützend zu unserer Performance, als Hintergrund verwendet wurde.
Als Oberthema unserer Performance wurde zu Beginn bereits „Cheap nature“ festgelegt. Inwiefern dieses Thema interpretiert wurde, war jedem selbst überlassen. Mit unserer finalen Performance wollten wir die Zerstörung der Natur durch Plastik, alle möglichen Schönheitsideale und allgemein eine Kritik an der Gesellschaft ausdrücken. Unsere Kleidung war aus Müll – Die Musik entstand mit Hilfe von Alltagsgegenständen. Laut, exzessiv, offen, schrill und gleichzeitig unglaublich befreiend war die Performance. Aus Improvisation und ganz vielen einzelnen Elementen haben wir einen performativen Raum erschaffen, der vor allem Platz für Fantasie und Imagination bot. Für mich persönlich ging es um Ausdruck, Selbstverwirklichung und Akzeptanz – All dies wollte ich mit meinem Dasein vereinen. Natur sehe im Sinne der Natürlichkeit und Schönheit eines Jeden. So stand ich da, in Plastik eingehüllt und schrie „WE DON’T NEED PLASTIC“ – Wir brauchen kein Plastik – keine Hülle – die unsere wahre Schönheit und Identität einhüllt und zerstört. Jeder soll die Möglichkeit haben, sein wahres Ich zu zeigen und sich nicht hinter irgendeiner Hülle verstecken zu müssen. Geschlecht, Sexualität und Herkunft dürfen hier absolut keine Rolle spielen.
Während der Arbeit im Workshop habe ich gemerkt, dass es bei Kunst oder künstlerischem Ausdruck weniger um ein vollendetes Werk, sondern eher um den Prozess der Ergebnisgewinnung geht. Ohne jegliches Konzept haben wir musiziert, gefilmt, probiert, produziert, geschnitten und uns vor allem sehr intensiv mit uns selbst auseinandergesetzt. Trotz anfänglicher Skepsis entstand für das Publikum eine nicht vorhersehbare, improvisierte Performance und für mich ein befreiendes Gefühl der Selbstverwirklichung und -akzeptanz.
Doch nicht nur die Arbeit am eigenen Workshop-Projekt, sondern auch die Ergebnisse aus den anderen Workshops waren für mich sehr inspirierend und prägend. Vor allem wenn es um persönliche Geschichten und Erlebnisse ging breitete sich des Öfteren Gänsehaut auf meinem Körper aus. Den Mut zu besitzen, vor einer Menschengruppe das zu teilen, was einen eigentlich belastet und verletzt, finde ich großartig und absolut bemerkenswert.
Im Anhang sind neben meiner schriftlichen Reflexion außerdem noch ein .gif zu finden, welches im Rahmen des Workshops bei Filmaufnahmen entstand. Ich trage dabei Kleidung aus Plastik- und Papiertüten sowie High Heels. Die Darstellung ist jedoch verschwommen und in Bewegung, sodass eine genaue Betrachtung nicht möglich ist. Für mich repräsentiert es die Aussage unserer Ergebnispräsentation in nur einem einzigen Bild vereint. Es ist eine Kritik an die Gesellschaft und an Plastik. Es zeigt eine Unkenntlichkeit der Geschlechter und das Verschwimmen gesellschaftlicher Zwänge. Es schreit nach Offenheit und Toleranz.
Meine anfängliche Skepsis und die bisherige Verschwiegenheit gegenüber feministischen und queer-aktivistischen Themen kann ich im Nachhinein absolut nicht mehr nachvollziehen. Ein „Egal“ sollte es bei solch einem wichtigen Thema nicht geben und jede Stimme zählt. Ein Umgang im universitären Rahmen ist bereits ein guter Anfang, jedoch noch lange nicht das Ziel dieser Auseinandersetzung. Für mich geht es nicht nur um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sondern ich plädiere für die Anerkennung und Gleichberechtigung jeglicher Lebens- und Liebesform. Lasst es uns in die Welt hinausschreien! Unter all dem Plastik unserer Gesellschaft sind wir nämlich alle einfach nur Mensch!