Abstract

Ausgehend von Cécile B. Evans Arbeit Amos’ World: Episode one (2017) nähert sich der Vortrag der Frage an, wie in der heutigen kuratorischen oder lehrenden Praxis neue Räume für ein kritisches Denken gewonnen werden können. Evans erster Teil der Film-Triologie folgt dem Protagonisten Amos, dem Architekten einer sozial-progressiven Wohnsiedlung im Stil des Brutalismus und einigen ihrer Bewohner/innen. Während Amos anfangs noch schwärmerisch die Vision eines besseren Lebens beschreibt, die durch seine Architektur verwirklicht werden soll, beginnt diese Vision durch Kommentare einer Personifikation des Wetters, sowie die filmischen Porträts der Bewohner/innen bald erheblich zu bröckeln. Zudem wird deutlich, dass Amos Architektur nicht allein für die brutalistischen und kompromisslosen Betongebäude der 1950er bis 1970er Jahre steht. Sie muss vor allem als materialisierte Metapher für die digitalen Infrastrukturen unserer Netzwerkgesellschaft begriffen werden. Die Erzählstränge von Amos world: Episode one vereint einen unkritischen Eskapismus mit einer offenen Kritik an diesen digitalen Infrastrukturen und ihren Utopien – jedoch nicht ohne diese Kritik wiederum selbst in ihrem Scheitern und ihren Möglichkeiten zu präsentieren. Abgesehen von diesem prüfenden Abtasten der Kritik eröffnet die Arbeit drei weitere Perspektiven, die im zweiten kürzeren Teil des Vortrags zu drei zentralen, miteinander verwobenen Ansatzpunkten für kritische Denk- und Handlungsweisen entwickelt werden: Der erste deutet den Eskapismus als eine produktive Verweigerung, die im besten Fall eine neue Welt erschließen kann. Der zweite übt Kritik an der professionellen Mobilisierung (Pignarre/Stengers) als ausschließende Einhegung in eigene Paradigmen, Konzepte und Wertmaßstäbe. Der dritte findet im transversalen Denken (Guattari) ein kritisches Werkzeug für das Aufbrechen hegemonialer Logiken und Hierarchien.

Info

Susanne Witzgall ist Initiatorin und wissenschaftliche Leiterin des vom BMBF geförderten cx centrum für interdisziplinäre studien an der Akademie der Bildenden Künste München. Sie studierte Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften, Psychologie und Kunstpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Stuttgart, wo sie 2001 promovierte. Von 2003 bis 2011 lehrte sie am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste München. Darüber hinaus war sie als freie Kuratorin und von 1995 bis 2002 als Kuratorin am Deutschen Museum Bonn und Deutschen Museum, München tätig. Sie ist unter anderem Kuratorin bzw. Cokuratorin der Ausstellungen: Art & Brain II (1997/1998), Das zweite Gesicht (2002), Say it isn’t so (2007), (Re)designing nature (2010/2011) sowie Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher und Aufsätze zur zeitgenössischen Kunst, zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft und zu Themen aktueller interdisziplinärer Diskurse. Hierzu zählen ihre Monographie Kunst nach der Wissenschaft (Verlag für moderne Kunst, 2003) sowie New Mobility Regimes in Art and Social Sciences (hrsg. mit Gerlinde Vogl und Sven Kesselring, Ashgate, 2013), Macht des Materials/Politik der Materialität, Fragile Identitäten, Die Gegenwart der Zukunft (alle drei hrsg. mit Kerstin Stakemeier, diaphanes, 2014, 2015 und 2016) sowie Reale Magie (2017).