Abstract

Im Fernsehen ist jeder willkommen: als Protestler und Revolutionär. Die Utopiekraft des Massenmediums, seine Gefräßigkeit für Themen des Andersseins, die Lust am Insularen ist unermesslich. Die Medienindustrie schmückt sich mit Alternativlern, die sich einst aus Randgruppen rekrutierten, inzwischen aber selbst erfolgreich zu dem Markt gehören, gegen den sie sich ursprünglich wandten. Der Werbe- und Programmmarkt liebt diese fremden und faszinierenden Welten des Ausstiegs.
Protest als Marke erzählt von den Anfängen und Enden dieser Programmutopien und –idiotien, die unter dem Banner der Revolution oder des Ausstiegs segelten: von der Medienprofessionalität der Kommune 1 im Berlin der 1968er, die die Revolution verkündete, bis zum insularen RTL-Robinson Crusoe ihres Models Rainer Langhans; von Jeans-Imperien, die Demonstranten zur Werbeikone erklären; bis zu protestierenden Glücksgesellschaften in Marketings von Autofirmen und Raiffeisenbanken. Als politische Alternative wurden einst Whole-Earth-Kataloge und Selbstorganisations-Utopien geschmiedet, deren Leser sehr real im Silicon Valley aus- und einstiegen. Be foolish hieß ihr Ausstiegsslogan, mit dem sich auch Steve Jobs zum Milliardär nährte. Das neueste Keyword des Werbemarketings aber heißt „Wir“. WIR sind die neue Medienutopie. Protest und Partizipation sind die neuen Marktideologien, die berechenbar geworden sind. Die einstigen Wilden und Aussteiger sind domestiziert in einem Käfig voller Narren.

Info

Thorsten Lorenz ist  seit 1996 Professor für Medienbildung an der PH Heidelberg, Leiter des Medienzentrums und Leitung des Masterstudiengangs E-Learning & Medienbildung. 1985 – 1996 Fernsehredakteur, Regisseur, Moderator, Produzent im Bereich Musik, Kultur, Bildung & Wissenschaft sowie Aktuelles für ARD, ZDF u.a. Seitdem freier Essayist und Programmberater für Hörfunk. Schwerpunkte: Medien, Bildung und Wissensgesellschaft; Medientheorie & Mediengeschichte; Musik und Medien; Bildungsmedien & Journalismus.